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21. Januar
Zacatecas
Zacatecas, México
Ruth

Archiv Berichte
  Wüstenhochplateau mit Kakteen, Yukkabäumen und Ackerland

Am 11. Januar schwangen wir uns wieder auf unsere Stahlpferde und setzten die Reise Richtung Süden fort. Einen Tag benötigten wir nach Villas los Nieves. Wir waren glücklich, dass wir endlich wieder einmal flacheres Gebiet vor uns hatten. Es tat unseren Beinen gut, locker kurbeln zu können. Die Landschaft im Norden Mexikos besteht vorwiegend aus Wüstengebiet mit vielen Kakteen und grossen Yukkabäumen, aber auch aus trockenem Landwirtschaftsgebiet mit Baumwoll-, Chili- und Maisfeldern. In Nieves empfahlen uns die Dorfbewohner den Fussballplatz zum Campen, dort könnten wir bleiben und am Abend das Tor schliessen, das sei problemlos. Wir besichtigten erst einmal den Platz. Kinder spielten noch darauf. Als sie uns entdeckten, waren wir interessanter als das Spiel und so standen sie schliesslich um uns herum und bestaunten unsere Fahrräder. Der Sandplatz war riesig mit leider viel Abfall und Glasscherben neben dem eigentlichen Spielfeld. Das gefiel uns überhaupt nicht. Wir beschlossen, mitten auf dem Spielfeld zu campen. Bevor wir die Zelte aufstellten, besorgten wir uns im kleinen Dorfladen etwas Essbares. Während des Einkaufs kam plötzlich die ganze Jungmannschaft, die sich vorher auf dem Spielplatz aufhielt, in den Laden. Die Jungs musterten besonders mich. Ich nehme an, sie hatten noch nie eine Gringa mit roten Haaren und erst noch auf einem Fahrrad gesehen.

Neben dem Fussballplatz gab es einen Getränkeladen. Horst entdeckte dort ein paar Klappstühle und fragte den Ladenbesitzer, ob wir uns diese Stühle ausleihen dürften. Mit Steinen und einem Brett, welches in der Nähe eines Containers stand, bastelten wir einen Tisch und so hatten wir Tisch und Stühle, sassen mitten auf dem staubigen Fussballplatz und kochten unser Nachtessen. Als wir so dasassen fragten wir uns, welche kuriosen Übernachtungsplätze wohl noch folgen werden.

Das nächste Dorf hiess Esperanza, der Name tönt schon so verheissungsvoll. Als wir diesen Ort erreichten, konnten wir uns im ersten Moment nicht vorstellen, die Nacht dort zu verbringen. Das Dorf liegt etwas abseits der Strasse. Die verfallenen Häuser sahen nicht gerade einladend aus, alles machte einen heruntergekommenen Eindruck. Zweigte man von der Hauptstrasse in den Ort ab, bestand die Strasse, wie in vielen anderen Dörfern auch, nur noch aus einer Sandpiste. In näherer Distanz gab es keinen Ort mehr, den wir an diesem Tag noch hätten erreichen können und unterwegs am Strassenrand campen wollten wir nicht. Wir entschlossen uns, uns im Ort näher umzusehen und suchten den Dorfkern. Und siehe da, es gab einen in Form eines Kinderspielplatzes, gleich daneben ein winziger Einkaufsladen. Der Spielplatz wurde unsere Bleibe für die Nacht. Beim Laden hielten sich ein paar Männer auf, richtige Cowboys mit weissen Stetson-Hüten, Westernkleidung (Hemd mit Wrangler-Jeans und Ledergurt mit silbriger Schnalle) und spitzen rosa und hellblauen Stiefeln. Diese Männer bestimmen wahrscheinlich, was im Dorf geschieht. Auf jeden Fall beobachteten sie uns aus der Distanz bis es dunkel wurde. Einer führte uns seine Lassokünste vor. Der Platz gefiel uns schliesslich ganz besonders und wir realisierten, dass wir uns wirklich in der Mitte des mexikanischen Lebens befinden, wo sich sonst kein Fremder hin verirrt. Am Morgen wurden wir wieder, wie könnte es anders sein, durch krähende Hähne und Hundegebell geweckt. Während wir frühstückten, spazierten einige Kühe und Bullen aus verschiedenen Richtungen am Spielplatz vorbei. Sie begaben sich auf einen Morgenrundgang im Dorf. Jede Kuh und jeder Bulle wusste genau, wo sein zuhause war und so verschwanden sie nach ihrem Rundgang wieder von der Strasse.

Am nächsten Tag kauften wir im Dorfladen Proviant ein. Beim Losfahren sagte Horst laut vor sich hin: Adios Esperanza, was eine alte Frau, die uns wohl schon längere Zeit beobachtet hatte, hörte. Sie stand plötzlich an der Tür und rief uns zu: Adios, que la vaja bien (adios, gute Reise). Wir waren überrascht und gleichzeitig gerührt, dass uns die Worte fehlten. Esperanza werden wir nie vergessen.

Weiter ging es in 2 Etappen über Rodeo nach Nazas. Dort wollte uns die Polizei einen Übernachtungsplatz auf einem Pavillon im Stadtpark anbieten, doch der Polizeichef entschied sich später, uns den leeren Innenhof eines Gemeindegebäudes zur Verfügung zu stellen. Der Chef befürchtete, dass es im Ort zuviele Schaulustige geben könnte, die während der Nacht mit ihren Autos um den Platz kurven würden, um uns zu begaffen. Wir erhielten ein Schloss, um das Tor zum Innenhof abzuschliessen. Wir kamen uns vor wie die Affen im Käfig. Es ist übrigens eine Lieblingsbeschäftigung der Mexikaner, am Abend in den Dörfern und Städten mit ihren Autos zu flanieren, mit voll aufgedrehter Musik versteht sich, sozusagen fahrende Buschtrommeln.

Eine weitere 100 km-Etappe nach Cuencamé folgte, wobei wir aus Sicherheitsgründen, wegen der mit LKW´s sehr stark befahrenen Hauptstrasse, ca. 30 km auf einer groben holprigen Naturstrasse fuhren. Am Abend sahen wir entsprechend aus, der Sand klebte im hintersten Winkel der Fahrradteile fest. Am nächsten frühen Morgen fegte ein starker Wind durch die Strassen von Cuencamé und im Laufe des Morgens entwickelte sich ein richtiger Sandsturm. Der Wind blies natürlich für uns nicht in die richtige Richtung. Wir verliessen das Hotel und als wir 5 km im heftigen Seitenwind gefahren waren, entschieden wir uns, wieder ins Hotel zurückzukehren und einen Tag in Cuencamé zu verweilen. Unser Gefühl bezüglich Wetterentwicklung war kein gutes, der Himmel sah bedrohlich aus und der Gegen- und Seitenwind war dermassen stark, dass wir an diesem Tag nicht weit gekommen wären. Wir entschieden richtig, den am nächsten Tag strahlte die Sonne und der Sturm war vorbei.

Von Cuencamé fuhren wir in drei Tagesetappen über Juan Aldamo, Rio Grande und Fresnillo nach Zacatecas. Unsere Erwartung, dass diese Strecke viel anstrengender sein wird, hatte sich nicht bestätigt. Im Gegenteil, wir fuhren über ein schönes Hochplateau mit Blick auf die umliegenden Berge der Sierra Madre Occidental. Der Höhenunterschied von 800 m von Cuencamé nach Zacatecas war kaum spürbar, es ging stetig, aber in einem angenehmen Steigungsgrad berghoch.