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22. Juli 2005
Yellowknife; NWT
Kanada
Horst

Archiv Berichte


  Velo(alp)traum, das Schicksal schlägt zu

Nachdem Ruth, Holger und ich uns 3 Tage im Startort Inuvik akklimatisiert und auf den nicht leicht zu befahrenen Dempster Highway (ca. 700 km Naturstrasse mit viel Schotter und bei Regen Matsch) vorbereitet hatten, ging es endlich los. Es war schon ein spezielles Gefühl, sich vorzustellen, dass wir nun eine riesig lange Strecke mit vielen Entdeckungen, Abenteuern und Begegnungen vor uns hatten.

Die ersten 10 km rollten wir Richtung Flughafen auf geteerter Strasse, danach war´s soweit: Schotterpiste. Nachdem wir etwas Luft aus unseren breiten Marathon-Reifen gelassen hatten, holperte es gleich angenehm weniger auf dem wegen des Permafrostes hoch aufgeschütteten Strassendamms. Die mindestens 1,2 Meter dicke Fahrbahnschicht braucht es zur Isolation, damit die Strasse bei Tauwetter im Sommer nicht im Boden versinkt.

Bis Tsiigehtchic, der ersten Siedlung nach Inuvik, waren es aber noch happige 7 Stunden Fahrzeit, die letzen 3 davon ziemlich flach und nur geradeaus, also keine Ausblicke mehr auf die weitläufige Tundra. Wir traten gelangweilt in die Pedale. Nur die Mücken, welche sich während unserer kurzen Stops mit Freude an unserem süssen Blut erlabten, sorgten für etwas mehr Reiz.

Dempster Highway

Am Ende der Etappe überquerten wir noch per Fähre den Mackenzie-Fluss, um nach Tsiigehtchic zu gelangen. Diese hatte kurz vor unserem Erscheinen abgelegt, deshalb mussten wir noch ca. 45 Minuten warten, mit ein "paar" Mücken als Gäste. Das Wetter veränderte sich unerwartet. Schon eine Weile hatten wir herannahende Wolken beobachtet. Der Wind nahm zu. Als wir endlich das angestrebte Etappenziel erreichten, fing es an zu regnen. Im Ort war es ziemlich schwierig, einen Platz zum Campieren zu finden. Die vom Fährenmann empfohlene Stelle neben der Kirche erwies sich als nicht geeignet, so suchten wir erst einmal eine Unterstellmöglichkeit, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Nachdem Holger und ich im winzigen Ort ohne Erfolg nach einem geschützten Zeltlager Ausschau gehalten hatten, kam ein Gelängewagen langsam angefahren und hielt. Ein einheimisches Paar fragte, ob sie uns behilflich sein könnten. Kurz darauf folgten wir ihnen zu einem winzigen ca. 12 m2 grossen Holzhäuschen. Das Paar bot uns an, dort drinnen zu übernachten. Zuerst haben sie aber verschiedenes Gerümpel, darunter offene Farbeimer, ausgeräumt und den Boden feucht gewischt. Dann brachten sie noch Brennholz für den rostigen Ofen und eine 10-Liter-Wasserflasche. Uns war es im ersten Moment recht unangenehm bei solcher Gastfreundschaft.

Nach dem Einquartieren spaltete Holger die riesigen Holzstücke für den Ofen. Es fing an zu stürmen, und der Regen kam fast waagerecht daher. Im Häuschen roch es extrem nach frischer Farbe, das konnte ja was werden. Da der Wind durch die vielen Spalten zog, hatten wir somit einen regen "Luftaustausch". Ich feuerte den Ofen an, und kurze Zeit später erlabten wir uns an einer Suppe mit Brot, Tee und etwas Süssem fürs Gemüt. Während der Nacht stand ich ein paar Mal auf, um das von der Decke auf den Ofen und Boden tropfende Wasser in zwei Gefässen aufzufangen. Den ganzen folgenden Tag verbrachten wir wegen des sich nicht ändern wollenden Wetters in der Hütte. Die Gastgeber schauten noch zweimal besorgt nach ob es gut geht.

Am Tag darauf packten wir zusammen, stockten im winzigen Lebensmittelgeschäft unsere Vorräte auf und machten uns nach einer Einladung zu einer Tasse Kaffee im Haus nebenan, es war die Gemeindehütte, auf zur Fähre, die uns wieder zurück zum Dempster Highway schiffte. Gleich zu beginn ging es mit kalten Muskeln ruppig bergan. Den ganzen Tag fuhren wir bei sonnigem Wetter durch hügelige Landschaft bis Fort McPherson, einer kleinen Ortschaft, in der sie Zelte herstellen, verpflegten uns dort in einem Fastfood-Restaurant und radelten noch wenige Kilometer bis zum Campingplatz. Auf dem Dempster Highway bietet ein solcher meist den Luxus von Plumpsklo, vielleicht fliessendem Wasser aus dem Hahn - sonst Wildwasser -, ein zugiges Wetterschutzhäuschen mit Mückennetz als Fensterglasersatz. Drinnen hat es aber noch ausreichend Plagegeister. Dann kommen Tisch und Bank dazu, und wenns noch luxuriöser ist, eine Vorrichtung, um Taschen mit Esswaren und Toilettenartikel an Seilen bärensicher aufzuhängen.

Die dritte Fahretappe verlangte von uns unerwartet Kraftausdauer. Gleich nach dem Fährentransfer über den Peel River wurden wir intervallmässig auf die Richardson Mountains, die nördlichsten Ausläufer der Rocky Mountains, vorbereitet. Stufenweise erklommen wir höhere Regionen, welche zunächst noch bewaldet waren, dann ab ca. 600 Metern Höhe baumlos wurden. In den Schattenpartien der Berge hatte es noch viele Schneefelder, die Schotterpiste war aber schneefrei. Nur langsam näherten wir uns dem ersten Pass auf ca. 800 m Höhe. Auf der Passhöhe belohnten wir uns mit etwas Süssem, bevor wir durch herrliche Berglandschaft einige Meter hinunter rollten. Es dauerte aber nicht lange und es ging wieder mühsam bergauf, auf sehr losem Schotter. Der kühle Wind nahm stetig zu. Ziemlich ausgepowert erreichten wir die Grenze zum Yukon Territory auf der zweiten und letzten Passhöhe auf ca. 1000 m Höhe. Im Windschatten des grossen Grenzschildes genossen wir ein paar Becher heissen Tee, zogen uns alle warmen Kleider an, und nach dem obligatorischen "Passfoto" rollten wir bei eisigem Seitenwind einige hundert Höhenmeter bergab. Hier konnten wir bei fantastischer Fernsicht den Anfang der Eagle Plains erkennen, eine baumlose Hochebene.
Auf der kleinen Scheibe quälten wir uns noch ca. 10 km bis zum Tagesziel, dem sich geschützt im Tal befindenden Rock River Campground, entgegen. Es war schon nach 22 Uhr, als wir ankamen. Schnell das Moskitonetz über den Kopf gestülpt, bauten wir unsere Zelte auf und verkrochen uns "verklebt" und völlig erschöpft darin.

Am nächsten Morgen entledigten wir uns erstmal unseres Klebstoffes durch eiskaltes Wasser vom Rock River. Das Prozedere war filmreif, denn unzählige Plagegeister versuchten sich auf die weit und breit einzigen Fleischflächen zu stürzen. Leider hatten wir kein Knoblauch und Kreuz dabei, um die Vampire an ihren Sauggelüsten zu hindern. Wildes Umsichschlagen war die einzige Möglichkeit, nicht wie der Bergpreiskönig der Tour de France mit seinen grossen roten Punkten auszusehen.

Gut fanden wir wieder eine Schutzhütte mit Moskitonetz vor. Wir stärkten uns zum Frühstück mit Müesli und Tee, und bald darauf ging es wieder auf die Piste, raus aus dem Tal, hinauf auf die Hochebene. Eine Stunde waren wir unterwegs, als bei einer leicht schüssigen Abfahrt auf graphithaltigem Schotter mein Vorderrad anfing sich aufzuschaukeln. Ich versuchte wie gewohnt bei solchem Verhalten mit den Knien am Rahmen das Rad wieder zu stabilisieren. Da aber der Reifen auf dem schmierigen losen Graphitschotter keinen Halt fand und wegen der sich leicht seitwärts neigenden Strasse abdriftete, konnte ich einen Sturz nicht mehr vermeiden. Es ging alles so schnell, dass ich nicht einmal reflexartig den Fuss zum Abstützen vom Pedal nehmen konnte. Ohne gross zu rutschen, prallte ich mit voller Wucht auf die Seite............. Aus der Traum!

Nein, nein, nein.......das darf doch nicht wahr sein. Ich lag schmerzverzerrt am Boden, kniete dann auf allen Vieren, versuchte aufzustehen aber es ging nicht. Stechend starke Schmerzen an meiner rechten Hüfte veranlassten mich am Boden zu bleiben. Ich war mir bewusst, dass sich nun etwas ganz Entscheidendes am Ablauf dieser Reise ändern würde. Diesen Moment kann ich einfach nicht beschreiben, eine Welt brach in mir zusammen. Der Velotraum wurde (vorübergehend) zum Alptraum.

Als ich stürzte, befand sich Holger ca. 50 m hinter mir und Ruth 100 m vor mir. Holger war sofort bei mir. Zur gleichen Zeit hatte ich Ruth gerufen, die im ersten Moment nicht realisierte, was passiert war, weil sie Holger sah, wie er die Böschung hinunter ging, um eine meiner beiden rechten Taschen zu holen. Dann sah sie mich am Boden sitzen und kam besorgt zurückgefahren.

Beim Sturz waren beide rechten Taschen vom Träger gerissen, eine davon ist 10 m die Böschung hinunter gerutscht. Die Aufhängungen waren zerbrochen, die Gepäckträger blieben unversehrt. Um fast eine ganze Umdrehung hatte sich der Lenker mit dem Vorderrad gedreht, die Schalt- und Bremszüge entsprechend um den Steuersatz gewickelt. Als ich das sah, war mein erster Gedanke: Hoffentlich hat das Rad keinen Schaden erlitten. Das langarmige Unterhemd hatte ein grosses Loch, die Windjacke, die kurze und lange Radhose waren heil geblieben. Meine Hände hatten Dank der Handschuhe keinen einzigen Kratzer abbekommen. Den Kopf musste ich irgendwie reflexartig seitlich nach oben gehalten haben, um nicht am Boden aufzuprallen. Jedenfalls hat der Helm weder einen Riss noch Kratzer.

Ich suchte an mir nach Blessuren. Ausser den rechten schwarzen Ellenbogen konnte ich nichts Weiteres mehr entdecken. Nur neben dem Hüftknochen sah ich noch eine leichte Schürfung. Diese verursachte aber nicht den stechenden Schmerz.

Als Ruth an der Unfallstelle ankam, bewahrte sie kühlen Kopf, reichte mir wegen des Mückenschwarms mein Schutznetz, wusch meine Wunde aus, desinfizierte sie und legte einen Verband an. Es ging alles ziemlich schnell.

Wir beschlossen, dass Holger alleine bis zum noch ca. 70 km entfernten Eagle Plains Hotel mit Campground, unserem Etappenziel, weiterfahren sollte und Ruth und ich per Autostop nachfolgen würden. 25 Minuten verweilten wir am Unfallort, bis ein Auto kam und anhielt. Die Fahrzeuglenkerin war zu meinem Glück eine Krankenschwester. Obwohl wir Schmerzmedikamente mitführten, gab sie mir gleich einige von ihren. In der Zwischenzeit war meine rechte Hüfte angeschwollen. Das war ein ziemlich sicheres Zeichen, dass etwas gebrochen sein musste, was die Krankenschwester auch bestätigte.

Fünf Minuten später kam ein Pickup aus der entgegengesetzten Richtung angefahren und hielt auch an. Eine Lehrerin war mit ihren Eltern, welche zu Besuch waren, auf dem Rückweg nach Inuvik vom ca. 10 km entfernten Nordpolarkreis. Die Lehrerin und Krankenschwester schlugen uns vor, wir sollten zurück nach Inuvik, wegen des neuen Krankenhauses mit besserer medizinischer Versorgung.

Wieder 5 Minuten später sassen die Lehrerin mit ihren Eltern vorne zu dritt, Ruth und ich (quer zur Fahrtrichtung mit angewinkelten Beinen) auf dem Rücksitz im Pickup, die Fahrräder und das gesamte Gepäck auf der Ladefläche versorgt. Zurück ging es ins 320 km entfernte Inuvik, 6 Stunden auf Schotterpiste, unterbrochen von den 2 Fähren über den Peel und Mackenzie River. Unglaublich, was wir in 3 Tagen mit dem Rad alles gefahren waren.

Im Krankenhaus von Inuvik wurde ich zunächst geröntgt. Die Aufnahmen zeigten klar, dass ich mir 2 Risse im Hüftknochen zugezogen hatte und deshalb operiert werden musste, was allerdings nicht in Inuvik möglich war. Diese Tatsachen gaben mir einen weiteren, mehr psychischen Schlag. Ich erhielt etwas zu essen und es wurde mir eine Schmerzstill-Infusion angelegt. Drei Versuche waren nötig, bis das Spitalpersonal es endlich schaffte, meine Adern zu treffen, schmerzfrei war das allerdings nicht. Währenddessen wurde der Transfer mit einem Ambulanzflugzeug in die Hauptstadt der Nordwesterritorien, Yellowknife, organisiert.

Bald kam der Krankenwagen, welcher Ruth, eine Krankenschwester und mich zum Flughafen fuhr. Es war ein sehr trauriger Moment für Ruth und mich, als sie mich mit der Bahre ins kleine Flugzeug hieften und Ruth draussen zurückbleiben musste.

Zweieinhalb Stunden dauerte der Flug über fast menschenleere seen- und flussreiche Landschaft bis ins ca. 1500 km weit entfernte Yellowknife.