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10. Januar
Hidalgo del Parral
Chihuahua, México
Ruth

Archiv Berichte
  Barranca del Cobre und unendliche Hügel der Sierra Tarahumara

Nach den Weihnachtstagen verliessen wir Cuauhtémoc. In zwei Tagen wollten wir über San Pedro nach Creel fahren und dort Silvester feiern. San Pedro sollte laut Karte ein Dorf mit ca. 5´000 Einwohnern sein. Mit 70 km Entfernung gerade das geeignete Tagesziel für uns von Cuauhtémoc. In jedem Dorf dieser Grössenordnung gibt es normalerweise Einkaufsmöglichkeiten. Wir beschlossen deshalb, uns in Cuauhtémoc nur gerade Verpflegung für unterwegs zu besorgen.

Die Strecke nach San Pedro war hügelig, aber nicht spektakulär. Nach 70 km war jedoch kein Dorf in Sicht. An der Kreuzung, an welcher laut Karte der Ort sein sollte, gab es genau 3 Hütten und eine verwitterte Busstation. Wir fuhren ein kurzes Stück weiter, bis die Strasse in einer Kurve den Hügel hinunterführte. Auch dort war kein Dorf zu sehen. Wir drehten um, rollten zurück zur Kreuzung und fragten einen Mann, wo denn San Pedro sei. Dieser antwortete mit einer Gestik der Selbstverständlichkeit, dass hier San Pedro sei. Im ersten Moment waren wir sprachlos. Verlässt man sich einmal auf die Karte, geht es schief. Unsere Essensvorräte waren beinahe aufgebraucht und wir benötigten doch etwas fürs Abendessen und das Frühstück am nächsten Tag, denn Creel war noch 95 km entfernt, dazwischen gab es keinen Ort.

Zunächst tigerten wir vor der einen dieser drei Hütten herum, denn wir sahen, dass sich zwei alte Frauen darin aufhielten und es Getränke zu kaufen gab. In der Hütte war es dunkel, aber beim näheren Hinschauen entdeckten wir Brötchen und Eier in einem Gestell an der Wand. Wir fragten die Frauen, ob sie uns etwas zu Essen zubereiten könnten. Sie schüttelten den Kopf und eine zeigte mit der Hand zur gegenüberliegenden Hütte, dort soll es etwas geben. Von aussen sah es nicht danach aus, wir wagten uns aber hinein und tatsächlich, es war ein kleiner Laden, der doch immerhin Getränke, Chips, süsse Plätzchen und alles mögliche an Ungesundem verkaufte, für uns nichts wirklich Brauchbares. Aber in diesem Laden hatten wir mehr Glück. Nach langem Hin und Her mit unseren spärlichen Spanischkenntnissen verstanden wir endlich, dass die Ladenbesitzerin uns Burritos - das sind dünne Teigfladen - mit Avocado, Käse und Schinken anbieten könnte. Das war unsere Rettung. Wir vertilgten jeder zwei Burritos und tranken einen Instant-Kaffee. Danach war es höchste Zeit, einen Übernachtungsplatz zu suchen, denn die Sonne ging langsam unter. Auf der Strasse war zu dieser Zeit nicht mehr viel los, das passte uns sehr, denn wir mussten wild campen und somit darauf achten, dass nicht jeder sieht, wo wir unser Nachtlager aufbauen. Nach ca. 10 km zweigte eine Strasse von der Hauptstrasse ab. Die Stelle schien uns sehr geeignet. Nach ca. 1 km war die asphaltierte Strasse zu Ende und ging als Staubpiste weiter. An dieser Stelle stellten wir unsere Zelte einige Meter neben der Strasse auf. Und wie verhext, als wir die Zelte aufgebaut hatten, kamen plötzlich jede Menge Autos und Busse gefahren. Zum Glück war es inzwischen dunkel geworden, so wurden wir nicht gesehen. Aber ganz wohl war es uns nicht an diesem Platz. Die Nacht verlief aber problemlos, ab und zu hörten wir ein Auto vorbeifahren und irgendwann galoppierten Pferde an unserem Zelt vorbei. Am Morgen brachen wir früh auf und machten uns auf den Weg nach Creel. Die Strecke war anstrengend, mit vielen Hügeln durch trockene Kakteenlandschaft. Müde erreichten wir nach 95 km Creel.

In Creel hält die Eisenbahn, welche von Los Mochis am Pazifik bis nach Chihuahua durch die bekannte Kupferschlucht (Barranca del Cobre) fährt. Es ist eine der 10 beliebtesten Eisenbahnrouten der Welt (die Bahn fährt über 30 Brücken und durch 80 Tunnel). An einem Tag überwindet der "Pepe" mehr als 2500 m Höhe der Sierra Madre Occidental und Sierra Tarahumara, genannt nach den dort noch heute grösstenteils autark lebenden Indianern. Eigentlich wollten wir diese Bahnfahrt auch erleben, doch mit dem vielen Gepäck und den Velos war uns das Ganze zu kompliziert. Unsere Ausrüstung hätten wir nicht im gleichen Zug mitführen dürfen, das wollten wir aber nicht. Stattdessen entschlossen wir uns, an einer organisierten Busfahrt nach Divisadero teilzunehmen, von wo aus wir ausgezeichnete Blicke in die Kupferschlucht geniessen konnten. Die Busstrecke führte an Dörfern der Tarahumaras vorbei, dabei hatten wir die Gelegenheit, den Tarahumarafrauen beim Körbeflechten zuzusehen. Divisadero ist sehr touristisch, weil der Pepe dort auch anhält. Neben einem einzigen Hotelkomplex gibt es Stände, an welchen die Touristen allerhand Kunsthandwerk, aber auch viel Kitsch, kaufen können. Einige Stände boten Tacos, Enchiladas usw. zum Essen an.

In Creel hausten wir mit unserem Zelt am Stadtrand auf einem RV-Park mit Campmöglichkeit. Dieser Platz war sehr gut ausgestattet mit einem Restaurant mit Bar und Aufenthaltsraum, einer Waschküche, einer Küche, und es gab sogar gratis Wireless-Internet-Anschluss. Nachts bewachte ein Wächter den Platz. Holger wohnte in einem Zimmer in einem Gasthaus in der Stadt. Wir trafen uns jeweils zum Frühstück im Mi-Café, welches aus Burritos con Queso und Instant-Kaffee bestand.

Seit Cuauhtémoc schleppte ich eine Erkältung mit, die ich wegen der trockenen Luft im Hotelzimmer eingefangen hatte. In Creel war ich zwei Tage heiser und konnte praktisch nichts sprechen. Die Nächte im Zelt waren auch wieder Einiges unter 0 Grad. Dank guter Ausrüstung war dies aber kein Problem.

Am Silvesterabend kümmerten wir uns früh um ein Restaurant, denn wir wollten nicht mehr das Gleiche erleben wie an Weihnachten, als alle Restaurants geschlossen waren. Das bewahrheitete sich auch, denn die meisten Restaurants schlossen bereits um 20 Uhr, oder sie waren reserviert für geschlossene Gesellschaften. Nach dem Abendessen hielten wir uns bis nach Mitternacht in der Margaritha Bar auf. Dort herrschte nicht soviel Rummel, was uns sehr passte. Bei Musik genossen wir es, zu sitzen und zu beobachten, wie die Mexikaner Silvester feierten. Als besonderes Angebot bot die Bar zur Silvesternacht zu jedem Bier, das man bestellte, gratis einen Tequila an. Na ja, man musste es sich gut überlegen, ob man das Angebot denn auch wirklich ausschöpfen wollte ... Als die Kirchenglocken das neue Jahr einleuteten, klirrten drinnen die Gläser und draussen knallte es ordentlich, es waren Pistolenschüsse. Die Leute in der Bar umarmten uns und wünschten "feliz ano". Einige stellten uns Teller mit Chips, Kräckers, Sardellen und anderen Köstlichkeiten auf den Tisch.

Am 2. Januar verliessen wir Creel. Unser nächstes grösseres Fernziel hiess Hidalgo del Parral. Nach 50 km erreichten wir Basihuare, ein kleines Dorf in einer Talsenke. Die 50 km waren recht knackig und für diesen Tag hatten wir genug vom Pedalieren. Bei einem Bauerngehöft fragten wir einen Mann, ob wir auf seinem Grundstück zelten dürften, er nahm uns herzlich auf und sagte, wir könnten unsere Zelte hinstellen wo immer wir wünschten. Wir waren überrascht über seine Spontanität. Am nächsten Morgen lud uns seine Frau zu einem warmen Kaffee ins Haus ein, denn die Nacht war, wie wir uns das ja mittlerweile gewohnt waren, ziemlich kalt. Sie wollte uns noch Eier kochen, was wir dankend ablehnten. Dafür bot sie uns ein Gebäck an, welches den Fasnachtsküchlein in der Schweiz ähnelt, dünne Teigfladen in Oel gebacken mit Zucker drauf. Der Herr des Hauses erwähnte während unserem Gestikulieren stolz, dass President Vicente Fox vor kurzem die Schule des Dorfes besucht hatte. Mit Kaffee und Gebäck gestärkt verabschiedeten wir uns von der Familie.

Draussen war es mittlerweile wärmer geworden. Die für diesen Tag geplante Route sah auf der Landkarte anstrengend aus, was sich auch bewahrheitete. Gleich nach dem Dorf ging es bergauf. Nur 37 km fuhren wir an diesem Tag, denn zwei Drittel der Etappe waren anstrengende Steigungen meist durch Pinienwald und vorbei an kleinen Dörfern. An einer Kreuzung mit Militärpatrouille zweigten wir nach Samachique ab. Bis dort legten wir noch 3 km auf Schotter- und Sandpiste zurück. Ausserhalb des Dorfes gibt es ein Spital, in welchem sich die Tarahumaras gratis behandeln lassen können. Als wir ins Spital eintraten, wurden wir von vielen Augenpaaren beobachtet. Was diese Gringos wohl hier suchen, schienen sich die Indianer zu fragen, so sahen zumindest ihre Gesichtsausdrücke aus. Unsere Velos wurden gemustert und bestaunt. Die Dame an der Reception des Spitals erlaubte uns, neben dem Spital zu campen und die sanitären Anlagen des Wartesaals zu benützen. Im Dorf gab es einen kleinen Lebensmittelladen. Wir mussten uns wieder für zwei Tage mit Nahrungsmitteln eindecken, was bei der spärlichen Auswahl in diesen Läden nicht immer einfach ist. Spaghetti und Tomatensauce erhält man praktisch überall. Als wir am Abend vor unseren Zelten kochten, erschien eine Krankenschwester und wollte wissen, wer uns denn erlaubt hätte, hier zu campen. Sie teilte uns mit, dieser Ort sei nachts überhaupt nicht sicher, das Spital werde um 20 Uhr abgeschlossen und die Fenster verriegelt, wir könnten dann nicht mehr ins Gebäude hinein. Das Personal fürchte sich vor Guerilla-Gruppen, die sich im Gebirge aufhielten und Leute überfallen. Der Arzt hätte aber erlaubt, dass wir eine Nacht zelten dürften. Nach dieser Mitteilung war es uns nicht so wohl. Zum Glück hielt sich auch noch eine deutsche Krankenschwester, die ein Praktikum in diesem Spital absolvierte, dort auf. Sie kam heraus, um mit uns einige Worte zu wechseln und wir fragten sie, ob wir der Aussage der anderen Schwester Glauben schenken können. Sie erkundigte sich umgehend direkt beim Chefarzt, kam zurück und beruhigte uns, seit fünf Jahren sei in diesem Gebiet nichts mehr passiert, deshalb sei das Militär an der Kreuzung stationiert, wir könnten beruhigt sein. Sie sorgte auch noch dafür, dass wir vom Spital Trinkwasser erhielten. Die Nacht verlief ruhig, frühmorgens wurden wir wie üblich durch bellende Hunde und krähende Hähne geweckt und hörten schnelle Schritte von Tarahumara-Indianern, die an unseren Zelten vorbeihuschten. Während des Frühstücks umgaben uns einige Zuschauer. Die Fahrräder wurden betrachtet und die Menschen wunderten sich, was man so alles in vier Taschen unterbringen kann. Der Chefarzt zeigte sich auch noch kurz und plauderte mit uns.

Die nächsten zwei Etappen waren wieder sehr gebirgig und führten nach Guachochi und Balleza, wobei wir auf den letzten 25 km nach Balleza mit einer kurvenreichen Abfahrt mit wunderschönen Blicken auf die Bergwelt und die Wüstenlandschaft für unsere Anstrengung belohnt wurden. Von Balleza fuhren wir am nächsten Tag 52 km nach Puerto Justo. Der angebliche Ort entpuppte sich als eine Kreuzung, an welcher einmal mehr Militärkontrollen wegen Drogen und anderen Schmuggelwaren durchgeführt werden. Weiter gab es ein paar kleine Läden, Restaurants und wenige Bauernhäuser. Wir wussten gleich, dass unser nächtlicher Aufenthalt an dieser Stelle wieder speziell sein würde. Auf dem kleinen Kirchenvorplatz kochten wir erst einmal einen Kaffee, mit Blick auf den Militärkontrollposten. Gleich befanden wir uns im Mittelpunkt des Geschehens. Einige Fahrzeuge wurden genauer unter die Lupe genommen, alle Leute mussten aus ihren Vehikeln aussteigen, die Beamten klopften mit Stöcken an alle möglichen Teile der Fahrzeuge, vor allem aber an die Pneus, um festzustellen, ob sich diese nicht hohl anhörten. An einer anderen Kontrollstelle, die wir Wochen vorher passierten, waren sogar an einer Wand Bilder der Leute aufgehängt, welche mit verbotenen Waren erwischt wurden. Die Bilder können von der Öffentlichkeit betrachtet werden. Diese Massnahme soll wohl abschreckend wirken, denn der Nachbar könnte doch sehen, was man auf dem Kerbholz hat.

Beim Militärposten fragten wir, ob wir die Zelte in der Nähe ihres Lagers aufstellen dürften, ein Soldat willigte ein, als wir dann aber zum Lager fuhren, erklärte er uns, dass am Abend spät der Kommandant von Parral ins Lager kommen werde und dieser es wohl nicht dulden würde, wenn wir dort campen. Nach längerem Suchen durften wir bei einer Bauernfamilie im Hof campieren. In der Nacht passierten Hunderte von LKW´s die Kontrollstelle. Im Zeltinnern hörte es sich schlimm an, das Donnern, das Quietschen der Bremsen, und das Rumpeln der Fahrzeuge. In der Dunkelheit waren ein paar Feuerstellen am Strassenrand zu sehen, Gitarrenklänge und Gesang ertönten, es herrschte eine spezielle Atmosphäre an diesem Checkpoint.

Am Tag darauf fuhren wir auf ziemlich holpriger Strecke nach Hidalgo del Parral. Ausgerechnet 12 km vor der Stadt fühlte ich ein komisches Rubbeln an meinem Hinterrad und wie vermutet, hatte ich ausgerechnet so wenige km vor unserem Tagesziel einen platten Reifen. Nicht weniger als 7 Stacheln unserer geliebten Goat Head-Büsche steckten drin. Allerdings war nur ein Loch im Schlauch. Nachdem Horst ihn in praller Mittagssonne wechselte, kein Schatten ringsherum, sausten wir in die Stadt. Die Strecke von Creel nach Hidalgo del Parral war die anstrengendste seit Reisebeginn. Landschaftlich bot sie nicht viel Interessantes, wir hielten uns vorwiegend in bewaldetem Gebiet auf und das war doch mit der Zeit etwas zermürbend. Interessant waren jedoch die Dörfer der Tarahumaras, an welchen wir vorbeiradelten.

Meine Erkältung, die ich in Creel erwischt hatte, war noch nicht richtig auskuriert. In Parral lag ich am nächsten Tag im Hotelzimmer den ganzen Tag im Bett. Ich fühlte mich wie ein Waschlappen, war kraftlos. Eine Schwitzkur mit Kamillentee war die richtige Massnahme, um mich wieder auf die Beine zu bringen. Zum Glück fanden wir ein schönes Hotelzimmer im Zentrum mit Blick auf die Stadt. Im Hotel gab es auch eine Dachterrasse, dort bereiteten wir meistens unsere Mahlzeiten zu. Wir genossen es, wieder einmal frische Brötchen vom Bäcker und andere feine Sachen zu vertilgen, auf welche wir einige Zeit verzichten mussten.

Hidalgo del Parral ist eine alte Minenstadt mit engen Strassen und Gassen. Bekannt ist diese Stadt auch wegen des Helden Pancho Villa, der es als Einziger je wagte, mit seinen Gefolgsleuten in die USA einzudringen und den Ort Columbus im Staate New Mexico zu besetzen. Er wurde im Juli 1923 in Parral ermordet. Pancho Villa wird vor allem von den armen Mexikanern heute noch hochgelobt und geehrt.